Chinas Schulsystem im Überblick // China-Wissen kompakt

Chinas Schulsystem im Überblick // China-Wissen kompakt

Das chinesische Bildungssystem

Chinas Schulsystem ähnelt auf den ersten Blick organisatorisch stark dem deutschen. Doch die gesellschaftlichen Realitäten führen zu völlig anderen Ergebnissen. Nach einer kurzen Vorgeschichte des modernen chinesischen Bildungssystems wird zunächst sein aktueller Aufbau beschrieben. Danach werden die wichtigsten Unterschiede zu Deutschland genannt.

Wie kam es zum heutigen System?

Bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts hatte China kein Bildungssystem wie heute. Stattdessen gab es bis 1905 ein mehrschichtiges Beamten-Prüfungssystem, das lediglich dazu diente, hoch qualifizierte Bedienstete für den Staat zu rekrutieren. Die Bildung des gesamten Volkes stand bis dahin nicht im Vordergrund. Erst als man in China versuchte, bei der Industrialisierung der westlichen Länder den Anschluss zu finden, wurde langsam Massenbildung politisch gewünscht.

Nach Ende des Bürgerkriegs wurde 1949 die Volksrepublik China gegründet. Zu diesem Zeitpunkt besuchten nur etwa 20 % der Kinder eine Schule. Gerne hätte die Kommunistische Partei (KP) alle Schüler unter staatlicher Leitung unterrichtet, jedoch gab es schlicht zu wenig Lehrer. Deshalb gab es bis in die 80er Jahre vor allem auf dem Land sog. „Volksschulen“. Hier organisierte sich die Dorfbevölkerung die Schule selbst.

Einfluss auf die Bildungsinhalte hatte darüber hinaus anfangs die Nähe zur Sowjetunion, die akademisch-technisches Wissen propagierte. Der Großen Sprung nach vorn  (1958 – 61) und die Kulturrevolution (1966 – 76) sorgten jedoch für eine zeitweise Abkehr davon. Stattdessen gab es eine Ideologisierung des Bildungsbereichs im Sinne der KP. Nach Maos Tod im Jahr 1976 begann Chinas Schulsystem langsam die Form anzunehmen, die es heute hat. Während der Kulturrevolution geschasste Intellektuelle wurden rehabilitiert und die Studenten wieder aufgrund ihrer Leistung, nicht aufgrund ihrer politischen Gesinnung an Hochschulen aufgenommen. Neue Ziele waren nun unter anderem die Standardisierung von akademischen Abschlüssen, Chancengleichheit und eine Professionalisierung der Lehrerausbildung.

Der Aufbau von Chinas Schulsystem

Genau wie in Deutschland gibt es auch in China eine neunjährige Schulpflicht. Eingeschult werden die meisten Kinder im Alter von sechs Jahren. Davor besuchen etwa zwei Drittel einen Kindergarten. Wenn sie aus dem Kindergarten kommen, können viele von ihnen schon ein bisschen rechnen, schreiben und lesen. Nach sechs Jahren Grundschule müssen alle chinesischen Kinder weitere drei Jahre eine untere Mittelschule besuchen. Mit der Abschlussprüfung endet die Schulpflicht.

Wer studieren möchte, muss noch drei Jahre die obere Mittelschule besuchen. Der Abschluss von einer oberen Mittelschule berechtigt schließlich zur Teilnahme an den Uni-Aufnahmeprüfungen, der sogenannten gaokao (wörtlich: hohe Prüfung). Das Ergebnis der gaokao, die oft an nur einem einzigen Tag geschrieben wird, entscheidet darüber, ob, was und wo man studieren darf. Der Abschluss der oberen Mittelschule und die gaokao zusammengenommen sind also ähnlich unserem Abitur in Deutschland.

Das Bild zeigt Chinas Schulsystem systematisch.
Chinas Schulsystem ähnelt in seiner vereinfachten Darstellung dem deutschen.

Etwa 40 % der 18-22-jährigen Chinesen nimmt ein Studium auf. Im internationalen Vergleich ist das nicht viel. Jedoch sind die Zahlen der Abbrecher in China dafür viel geringer. Chinesische Studenten beenden ihr angefangenes Studium wesentlich häufiger als deutsche Studenten.

Als zweitklassige Alternative zur oberen Mittelschule werden die diversen Fach- und Berufsschulen empfunden. Sie sind jedoch nur schwer mit den deutschen Berufsschulen vergleichbar. Zumeist landen hier lediglich die Schüler mit den schlechteren Noten. Firmen sind kaum in die Ausbildungen eingebunden, da sie ihr Fachwissen lieber vor Ort die Angestellten weitergeben. Wegen der hohen Nachfrage werden auch hier eher allgemeinbildende Inhalte unterrichtet als berufliche.

Die letzten offiziellen Zahlen aus 2018 geben folgende Schülerzahlen an:

Kindergartenkinder 47 Millionen
Grundschüler (Klassen 1-6) 103 Millionen
Untere Mittelschüler (Klassen 7-9) 47 Millionen
Obere Mittelschüler (Klassen 10-12) 25 Millionen
Berufschüler (Klassen 10-12) 15 Millionen
Studenten 28 Millionen

 

Unterschiede zum deutschen Schulsystem

  • Chinas Schulsystem ist immer noch stark von Auswendiglernen geprägt. Kreativität und Eigenständigkeit werden eher nicht belohnt. Obwohl die Politik Vorgaben erlassen hat, die dies ändern sollen, hat sich da nichts getan. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Kommunistische Partei aber ebenso patriotische und „unproblematische“ Bürger wünscht. Hier gibt es einen Zielkonflikt: wer eigenständig lebt und handelt, lebt und handelt per Definition nicht „auf Linie“.
  • Es gibt schon sowohl Grund- als auch Mittelschulen mit gutem und schlechten Ruf. Das trifft zwar auch in Teilen Deutschlands zu. Jedoch suchen sich in China die renommierten Schulen ihre Schüler aus um ihre Position zu behaupten. Das führt dazu, dass Schüler aus sozial schwächeren Haushalten weniger gute Chancen haben. Dass sich gute Schulen oft in wohlhabenderen Stadtteilen befinden verstärkt den Effekt, da Kinder der Schule ihres Wohnorts zugewiesen werden.
  • Ein praktischer Unterschied zu Deutschland ist außerdem, dass Nachhilfeschulen weit verbreitet sind. Eine überdurchschnittliche gaokao kann durch die normalen Schulen kaum gewährleistet werden. Darum ist für viele chinesische Kinder und Jugendliche nach der Schule vor der Nachhilfeschule. So kommen sie nicht selten auf einen 12-Stunden-Tag in der Schule. (Danach gehen sie nach Hause und müssen Hausaufgaben machen.) Auch hier spielt natürlich Geld eine Rolle. Wer sich bessere Nachhilfe leisten kann, erzielt im Schnitt bessere Abschlussergebnisse.

Weiterführende Links zu Chinas Schulsystem

 

Alex

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