Ein-Kind-Politik in China – Fakten, Irrtümer, aktuelle Entwicklung

Ein-Kind-Politik in China – Fakten, Irrtümer, aktuelle Entwicklung

Die Ein-Kind-Politik

Unter der „Ein-Kind-Politik“ versteht man verschiedene Maßnahmen staatlicher Geburtenregulierung. Sie zielten darauf ab, das Bevölkerungswachstum Chinas zu bremsen und bestanden von 1980 bis ins Jahr 2015, in dem die Ein-Kind-Politik faktisch beendet wurde. Seit 2016 versucht China mit einer Zwei-Kind-Politik (siehe unten), die Geburtenrate wieder zu steigern.

Überblick: Ziele und Umsetzung der Ein-Kind-Politik

Seit dem Ende des Großen Sprungs nach vorn1 verzeichnete China ein stetiges Bevölkerungswachstum, Mitte der 60er Jahre sogar um nahezu 3% pro Jahr. Die Sterblichkeit sank kontinuierlich, da unter anderem die Hygiene und Wasserversorgung verbessert wurden. Auch förderten  Impfungen und die Sicherstellung der Nahrungsmittelversorgung die Lebenserwartung, insbesondere auf dem Land.

Zwischen 1971 und 1978 gab es eine erste – nicht verpflichtende – Kampagne der chinesischen Regierung hinsichtlich Familienplanung. Die Menschen wurden angehalten, später zu heiraten. Außerdem sollten sie mehr Zeit zwischen den Geburten ihrer Kinder vergehen lassen und insgesamt weniger Nachwuchs bekommen. Die Initiative war erfolgreich und die Geburtenrate ging tatsächlich deutlich zurück.

Doch trotz rückläufiger Zahlen sah die chinesische Führung Anfang der 80er Jahre ein Problem aufkommen. Es würde nun die Generation der geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1962 und 1971 selbst ins heiratsfähige Alter kommen und Kinder zeugen. Man befürchtete ein erneut steigendes Bevölkerungswachstum und, damit einhergehend, Einbußen für die Stabilität von Wirtschaft und Gesellschaft. Deshalb wurde im September 1980 die sogenannte Ein-Kind-Politik beschlossen. Konkret setzte man sich das Ziel, einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden Chinesen im Jahr 2000. Um dieses Ziel zu erreichen, verpflichtete man die meisten Eltern, nicht mehr als ein Kind zu zeugen.

Das Bild zeigt ein Plakat zur Ein-Kind-Politik. Es sagt, dass nur ein Kind zu bekommen gut für Land und Volk sind. Abgebildet sind junge Eltern mit einem Kind.
„Nur eines bekommen – gut für’s Land, gut für’s Volk“ steht auf diesem alten Propaganda-Plakat.

Am erfolgreichsten war die Ein-Kind-Politik in den urbanen Zentren, da dort eine Kontrolle besser möglich war (siehe unten). Etwa 86% der Städter bekamen lediglich ein Kind. Hielten sich die Eltern nicht an die staatlichen Vorgaben, drohten unterschiedlichste Sanktionen. Von empfindlichen Geldbußen über Beschlagnahme von Gegenständen bis hin zum Abriss des Hauses reichten die materiellen Strafen. Aber auch Eingriffe in die körperliche Selbstbestimmung wie der Zwang zur Verhütung, Sterilisation oder Abtreibung wurden angewandt.

Folgen der Ein-Kind-Politik

Kinder wurden teils nicht angemeldet

Das Nicht-Melden von Geburten war eine Folge der Ein-Kind-Politik, vor allem im ländlichen Raum und insbesondere von Mädchen. In den aufeinanderfolgenden Erhebungen tauchten deswegen immer mehr Kinder in der Altersgruppe zwischen 10 und 12 auf, die nicht in den staatlichen Geburtsregistern erfasst waren. Viele Eltern meldeten ihre Kinder erst in der Mittelschule an. Die örtlichen Beamten hatten kein Interesse gegen die Verstöße vorzugehen, da eine Nicht-Erfüllung der offiziellen Vorgaben auch Strafen für sie selbst nach sich gezogen hätte.

Ungleiches Geschlechtsverhältnis

Eine weitere Konsequenz ist ein von der natürlichen Verteilung abweichendes ungleiches Geschlechterverhältnis. Hatte man zu Beginn der Ein-Kind-Politik 1982 noch ein natürliches Verhältnis von 107 Jungen zu 100 Mädchen,2 so lag es 2010 bei 118 Jungen zu 100 Mädchen.** Jungen wurden in der chinesischen Gesellschaft lange Zeit bevorzugt. Sie blieben in ihrem Heimatdorf, unterstützten den familiären Haushalt und kümmerten sich später um ihre betagten Eltern. Mädchen hingegen verließen traditionell das Haus und wurden deshalb als weniger wertvoll angesehen. Mithilfe der in den 80er Jahren aufkommenden Ultraschall-Untersuchungen konnte das Geschlecht früher bestimmt und weibliche Föten abgetrieben werden. Mittlerweile ist es verboten, das Geschlecht mittels Ultraschall zu bestimmen, der Erfolg dieses Verbots ist jedoch fraglich.

Diese Anschauung scheint sich im Übrigen gerade zu wandeln: Der Bräutigam bringt traditionell das Haus bzw. die Wohnung in die Ehe mit ein. Das stellt angesichts der explodierenden Immobilienpreise in chinesischen Städten viele junge Männer und deren Eltern vor große finanzielle Herausforderungen. Manche Eltern wünschen sich deswegen mittlerweile eher ein Mädchen statt eines Jungen.

** Man beachte jedoch, dass dieses Verhältnis sicher durch das o. g. Nicht-Melden von Geburten verzerrt wurde. Die Verzerrung wird auf ein Drittel bis zur Hälfte des Ungleichgewichts geschätzt.
(Quelle Cai 2013)

Zu wenige Frauen für zu viele Männer

Das ungleiche Geschlechterverhältnis führt des Weiteren zu Wettbewerb und Frustration unter heiratswilligen jungen Männern. Es gibt schlicht nicht genug Partnerinnen für jeden von ihnen! Da Frauen in der chinesischen Gesellschaft „nach oben“ heiraten, trifft es zudem häufiger die sozial schlechter gestellten am unteren Ende der Bevölkerung.
Nachdem die Töchter auch traditionell ihr Elternhaus verlassen und Söhne bleiben, gibt es mittlerweile auf dem Land ganze Dörfer mit großem Männer-Überschuss. (Chinesisches Wort für bare branched villages, kahlastige Dörfer)

Häufige Irrtümer über die Ein-Kind-Politik

  • Irrtum 1: „DIE Ein-Kind-Politik …“ Es ist inhaltlich meist zu ungenau, von DER Ein-Kind-Politik im Singular zu sprechen. Die Zielvorgabe „ein Kind“ kam von der Zentralregierung. Die Umsetzung jedoch war auf die tieferen Verwaltungsebenen übertragen, die ganz unterschiedlich damit umgingen. Sie variierte sowohl im Vergleich der Provinzen als auch innerhalb der einzelnen Provinzen. Außerdem gab es Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Gebieten. Zum Beispiel waren in den Städten die Arbeiter in kleineren Einheiten organisiert3 und diese Einheiten redeten auch bei der Familienplanung mit. Es wurden mancherorts beispielsweise die Zyklen der Frauen erfasst oder Zertifikate ausgestellt, die es dem Paar erlaubten, ein Kind zu bekommen. Hielten sie sich nicht daran, gab es Nachteile und Bestrafungen für die Familie.
  • Irrtum 2: „Die Ein-Kind-Politik galt für alle Chinesen.“ Das stimmt so nicht. Um den Vorwurf zu vermeiden, China wolle die Han-Mehrheit* weiter vergrößern, galt die Ein-Kind-Politik nicht für ethnische Minderheiten. Die Geburtenraten unter Minderheiten sind deswegen etwa doppelt so hoch wie die von Han-Chinesen. Daneben gab es einzelne „Testzonen“, wo die Ein-Kind-Politik nicht galt.* Der Han-Ethnie gehören heute rund 92% der Bürger Chinas an.
  • Irrtum 3: „Die Ein-Kind-Politik hat das Bevölkerungswachstum in China erfolgreich verhindert.“ Das kann man so nicht sagen. Stimmen aus der Wissenschaft behaupten, es hätte auch ohne Ein-Kind-Politik einen weiteren Rückgang der Geburtenrate gegeben. Da mit zunehmender Urbanisierung die Menschen regelmäßig weniger Kinder bekommen, wäre dies auch in China so gewesen. In anderen Ländern Südostasiens gingen zur selben Zeit die Geburtenraten zurück. „Entwickelte Länder“ wie Japan und Korea haben haben bereits schrumpfende Gesellschaften. Die Geburtenraten in Testregionen wo die Ein-Kind-Politik nicht durchgesetzt wurde, verzeichneten ebenso einen starken Rückgang der Geburten.

Zwei-Kind-Politik – die Entwicklung seit 2016

Das Bild zeigt mittels einer Karriktatur die Situation chinesischer Eltern hinsichtlich der Zwei-Kind-Politik. Der Familie ist es nun erlaubt, ein zweites Kind zu bekommen. Jedoch schrecken sie vor der Entscheidung zurück und gehen nicht unter der Schranke hindurch.
„Ein Kind bekommen oder nicht?“ fragen sich die Eltern eines Kindes als die Schranke mit der Beschriftung „Zwei-Kind-Politik“ nach oben geht.

Zwischen 2014 und 2015 erlaubte man 11 Millionen Paaren, ein zweites Kind zu bekommen, doch nur 16% bekundeten auch die Absicht das zu tun. Deswegen dehnte man die Erlaubnis 2016 auf alle Chinesen aus. Die Ein-Kind-Politik gehörte damit der Vergangenheit an und man kann nun eher von einer Zwei-Kind-Politik sprechen.

Aktuelle Entwicklungen (letztes Update: 10. Dez. 2019)

  • Der Economist berichtet in seiner Ausgabe vom 5.12.20194 über eine Lehrerin aus Guangdong, die zusamenn mit ihrem Mann, einem Polizisten, ein drittes Kind erwartete. Trotz mehrerer Hinweise der örtlichen Behörden, die Schwangerschaft zu „korrigieren“ (also: das Kind abzutreiben), entschlossen sich beide, das Kind zu bekommen. Beide verloren ihre Arbeitsplätze. Laut Artikel gibt es explizite Vorschriften für Angestellte im öffentlichen Dienst, die dies vorschreiben.

Quellen und weiterführende Links

  1. Wikipedia-Artikel über den Großen Sprungs nach vorn
  2. Wikipedia-Artikel über das Sekundäre Geschlechtsverhältnis
  3. Artikel bei Wikipedia über die Danwei
  4. The Economist: „China needs people to have more children. So why punish those who do?

Alex

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