Warum die „Epoch Times“ kein seriöses Nachrichtenportal ist

Warum die „Epoch Times“ kein seriöses Nachrichtenportal ist
Die Epoch Times mach den Eindruck einer gewöhnlichen Nachrichtenseite.
Die Webseite „Epoch Times“ sieht aus wie ein gewöhnliches Nachrichtenportal.

Chinesische Aliens in der deutschen Nachrichtenlandschaft

Das Nachrichtenportal „Epoch Times“ (ET) erfreut sich in Deutschland mittlerweile größerer Beliebtheit. Grund dafür ist wohl die Möglichkeit, relativ frei unter aktuellen Nachrichten-Beiträgen kommentieren zu können, während andere Zeitungen ihre Kommentar-Funkionen teils abgeschaltet haben oder moderierend in die Diskussion eingreifen. Was das mit China und einer Alien-Sekte zu tun hat und warum man diese Webseite mit Vorsicht genießen sollte, erklärt dieser Beitrag.

Meine Behauptungen hier beruhen auf einer Seminararbeit, die ich im Jahr 2013 während meines Bachelor-Studiums „Modern China“ geschrieben habe. Ich habe meine wesentlichen Beobachtungen und Schlussfolgerungen von damals erneut überprüft (Stand: August 2019) und halte sie für immer noch zutreffend.

Die Epoch Times

In Deutschland ist die Epoch Times als Online-Nachrichten-Portal bekannt. Es gab 2005 auch den Versuch einer kostenlosen Print-Ausgabe, welcher jedoch schnell wieder eingestellt wurde. Die auflagenstärkste Print-Ausgabe außerhalb Deutschlands erscheint in den USA.

Hinter der Epoch Times steht die Sekte Falun Gong

In meiner Seminararbeit vor sechs Jahren hatte ich die Frage gestellt, ob hinter der Epoch Times die Sekte Falun Gong steckt. Die ET behauptete damals, „unabhängige, politisch und wirtschaftlich unbeeinflusste und unverfälschte Informationen“ sowie „Hintergrundberichte und unzensierte Informationen über das Festland China zu liefern“. Sie leugnete, ein „Falun Gong-Blatt“ zu sein und bekannte sich zu „verantwortungsvolle[m] Journalismus“.

Heute liest sich das ein bisschen anders. Auf der „Wir über uns“-Seite wird der Hintergrund der Falun Gong-Bewegung mittlerweile sogar angesprochen. Allerdings wird immer noch behauptet, „außerhalb von politischen Interessen [zu] stehen“.  Das halte ich zumindest im Hinblick auf Berichte zu China-Themen für falsch. Im Folgenden erkläre ich, warum.

Das Bild zeigt einen Screenshot der „Wir über uns“-Seite der Epoch Times. Hier wird offen der Falun Gong-Hintergrund der Epoch Times angesprochen.
Ein Screenshot der „Wir über uns“-Seite der Epoch Times: mittlerweile macht man aus dem Falun Gong-Hintergrund kein Geheimnis mehr.

Inhalte von Agenturen in fast allen Ressorts

Ich untersuchte 2013 die Inhalte der Webseite und fand heraus, dass bis auf das China-Ressort sämtliche Nachrichten-Inhalte (Politik, Gesellschaft, Sport …) von einem externen Dienstleister bezogen wurden. Die Artikel wurden von der ET nicht redaktionell bearbeitet, es gab keinerlei eigene Beiträge oder Kommentare in diesen Ressorts. Das scheint sich bis heute nicht geändert zu haben. Auf dem Screenshot ist die erste Stichprobe zu sehen: ein Artikel aus dem August 2019, der Inhaltsgleich bei Welt und ET erschienen ist.1

Der Screensshot stellt zwei Artikel gegenüber. Sowohl Epoch Times als auch Welt haben den gleichen Inhalt.
Epoch Times und Welt haben offenbar die gleiche Agenturmeldung übernommen. Screenshots: 25. August 2019.

Kritische China-Berichte mit Falun Gong-Schwerpunkt

Am interessantesten waren damals die China-Artikel. Ich hatte 100 Stück stichprobenartig untersucht. Dabei kam heraus, dass 67 Beiträge von nur einer einzigen Autorin verfasst waren und weitere 20 schlicht Übersetzungen von Beiträgen des amerikanischen Falun Gong-Fernsehsenders NTD Television waren. Die gesamte Webseite schien also von einer einzigen Frau beschickt zu werden.

Inhaltlich wiederum tauchten in 14 der 100 Artikel die Bergriffe „Falun Gong“ beziehungsweise „Falun Dafa“ auf. Auf großen Nachrichtenportalen wie FAZ.NET und SPIEGEL ONLINE erschien jedoch während des gesamten Untersuchungszeitraums (die 100 Artikel erschienen innerhalb von 32 Tagen) kein einziger Artikel mit diesen Schlagworten.

Darüberhinaus waren die Artikel oft voller Kritik an der chinesischen Regierung, was in Anbetracht des Verbotes der Sekte in China (siehe unten) nicht verwundert.

Sieht man sich die ET-Seite heute – im August 2019 – an, scheint sich auch daran nicht viel geändert zu haben. Sämtliche Beiträge haben bereits in der Überschrift einen chinakritischen Unterton, es gibt viele Übersetzungen aus der englisch- beziehungsweise chinesischsprachigen Ausgabe. Und auch die Werbung für Falun Gong-Produkte muss man nicht lange suchen.

Das Bild zeigt den Scrennshot eines Epoch Times-Artikels, der ein Falun Gong-Buch bewirbt.
Dieser Epoch Times-Artikel bewirbt ein Falun Gong-Buch in der Rubrik „Gesundheit“ bzw. „Medizin“.

Was ist denn nun eigentlich das Problem?

Man kann natürlich argumentieren: was ist schlimm daran, dass Falun Gong eine Nachrichten-Seite betreibt? Schließlich gibt es in Deutschland auch Zeitschriften wie „Chrismon“ oder die Nachrichtenagentur Evangelischer Pressedienst. Beide berichten ebenso tendenziös und freundlich, wenn es um ihre Kernthemen Kirche, Glauben und Gesellschaft geht.

Der Unterschied besteht für mich darin, dass ein unbedarfter Leser versteht, wer hinter einer Zeitung namens „Chrismon“ steht, wenn er darin einen wohlwollenden Artikel über Margot Käßmann liest. Bei der „Epoch Times“ weiß er dies jedoch nicht. Die Seite wirkt optisch wie ein seriöses Nachrichtenportal, was es aber insbesondere für China-Nachrichten nicht ist.

Ein kurzer Überblick zu Falun Gong

Hinter der Epoch Times steht Falun Gong, eine Glaubensgemeinschaft, die in China als Sekte verboten ist. In Deutschland ist dieser Begriff nicht klar definiert: man kann darüber streiten, was eine Sekte ist und ab wann der Staat seine Bürger, insbesondere Kinder, vor ihr schützen muss. Möge jeder Leser für sich selbst entscheiden.

In China jedenfalls wurde Falun Gong anfangs sogar staatlich gefördert, da man in den praktizierten Qi Gong-Übungen einen Nutzen für die Volksgesundheit sah. Eine ganze Reihe von Vorfällen änderte die Meinung der chinesischen Regierung jedoch: Zum Beispiel wurden schwer kranke Kinder von Falun Gong-Anhängern nicht medizinisch versorgt, da dies dem Glauben an Selbstheilungskräfte widersprach.2 Falun Gong-Anhänger kaperten einen staatlichen Fernsehsender und belagerten im Jahr 1999 sogar Zhongnanhai, den Regierungssitz der Kommunistischen Partei in Peking. Daraufhin wurde Falun Gong – wohl auf direktes Geheiß von Jiang Zemin3 – verboten.

Und wo sind die Aliens?

Ach ja, die Aliens! Der Gründer und auch heute noch geistiges Oberhaupt von Falun Gong, Li Hongzhi, verbreitet die Ansicht, dass Außerirdische seit Anfang des 20. Jahrhunderts unter uns leben und unsere Kultur seitdem prägen. Sie hätten uns moderne Maschinen und Flugzeuge gebracht und wollten die Menschheit ersetzen.4 Vielleicht hat er ja recht! 😉 Beweisen wird man das wohl ebenso wenig können, wie die Existenz des „lieben Gottes“.

Quellen und weiterführende Links

  1. Neu ist seit 2013 die „Meinungs“-Rubrik. Ganz schlau daraus bin ich beim kurzen Darüberschauen jedoch ehrlich gesagt nicht geworden. Die Kommentare stammen entweder von einem gewissen Reinhard Werner oder von Gastkommentatoren. Die Beiträge der Gastkommentatoren sind zum Teil auch an anderer Stelle im Internet zu finden. Ein seltsam umständlich geschriebener Kommentar, (vermeintlich?) von Henryk M. Broder, spricht durchgehend von sich selbst in der dritten Person und zitiert sich selbst aus einem Welt-Artikel. Weitere Kommentare wurde wörtlich von der Website von Vera Lengsfeld übernommen.
  2. Lesenswert zum Thema Heilen von Krankheiten ist Lektion 2 der „Bibel“ von Falun Gong, dem sogenannten „Zhuan Falun“, hier als deutschsprachige Online-Ausgabe
  3. David Plamer: Qigong Fever – Body, Science, and Utopia in China (New York: Columbia University Press 2007), S. 242
  4. Interview mit Li Hongzhi in Time Magazine